Meritokratisch? Wohl kaum!

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Was ist denn heute noch meritokratisch, und was kann man darunter verstehen? Darum soll's in diesem Beitrag gehen.
Es ist wieder einer dieser Tage, wo man nur noch in die Welt rausschreien möchte, weil man schon wieder ein Video von der BILD gesehen hat...
Dieses Thema versetzt viele in Aufruhr und das nicht nur wegen der hohen Arbeitslosenquote, die seit einigen Jahren zu verzeichnen ist. Man sprach nicht zuletzt auch im deutschsprachigen Raum von sozialer Gerechtigkeit und Klassenaufstieg. Diese Themen waren über viele Jahre hinweg ein großes Thema. Doch nun habe ich ehrlich gesagt nur noch den Eindruck, dass es wortwörtlich ums "Glänzen" geht statt um wirkliche Leistung. Die Medien gießen natürlich obendrauf noch weiter Öl ins Feuer.
Was soll ich dazu noch sagen? Wenn in unsicheren Zeiten noch zusätzlich zig Plattformen, also die uns bekannten sozialen Medien, mit tausenden Meinungen überschüttet werden und gleichzeitig noch mehr Hass geschürt wird, dann haben wir die perfekte Mischung für einen toxischen Trunk!
In meinen Beiträgen versuche ich auch gerne mal, auf schärfere Art und Weise etwas Dampf abzulassen. In solchen Zeiten bleibt den meisten auch gar nichts anderes mehr übrig. Denn toxische Unternehmen, toxische Kollegen jeglicher Ordnung, auf welcher Stufe der Karriereleiter sie doch auch stehen, oder andere uns feindlich gesinnte Zeitgenossen gibt es leider überall und zuhauf. Genau hier möchte ich ansetzen und das auch mit Bezug zum Arbeitsplatz. Für mich hat Meritokratie vor allem mit Arbeit und Arbeitsbedingungen zu tun, wer hätt's gedacht.
Jahrelang wurde den Leuten eingetrichtert: "Mach deine Sache gut und erbring schulische Bestleistung, dann wird mal was aus dir." Dieses Versprechen geht für viele jungen Menschen heute nicht mehr in der gleichen Weise auf. Die Zeiten haben sich ja mutmaßlich geändert, was für mich soziale Ungerechtigkeit allerdings nicht rechtfertigt. Und genau das sehen wir gerade überall.
Wir sehen Menschen, die selbst einen akademischen Hintergrund haben, die allen Ernstes das "Wir-brauchen-mehr-Macher"-Motto ganz groß rausproklamieren. Dann wiederum die andere Seite, die es nicht besser kennt und das auch noch kräftig befeuert. Wenn ihr mich fragt, eine gefährliche und zugleich toxische Kombi. Ich habe selbst einen akademischen Hintergrund und finde es nicht vertretbar, jungen Menschen künftig die Chance zu nehmen, selbst studieren zu gehen, nur weil der Markt andere Bedürfnisse hat.
Marktbedürfnisse ändern sich ständig. In manchen Jahren sieht es für ITler besser aus, in anderen dann wieder für Kaufleute. Das kann man nicht pauschalisieren und verallgemeinern, so wie es die ganze Zeit gemacht wird. Außerdem kann man nicht individuelle Stärken, Bedürfnisse und Ziele von einzelnen Menschen in den Dienst des Bedarfs stellen. Denn wenn das so kommt, dann sprechen wir nicht mehr von einer Demokratie, sondern von einer Diktatur. Wir sehen aktuell einen massiven und polarisierten Generationenkonflikt, der sich extrem zugespitzt hat. Man spricht die ganze Zeit von Gen Z, statt mal auf die tatsächlichen Probleme zu schauen. Das Problem ist nicht ein weiteres Buzzword, das man wieder für eine Gruppe gesucht hat, um sie in irgendeine Schublade zu stecken. Das Problem ist, dass junge Talente in einem kaputten Markt, der in seinen Strukturen so antimeritokratisch und chaotisch geworden ist, keinen Anschluss mehr finden und komplett blockiert werden. Was damals meritokratisch qualifizierten Leuten zugesprochen wurde, ist zum Märchen mutiert.
Menschen aus den Geisteswissenschaften fühlen diesen Schmerz. Damals konnte man mit einem Studium gesellschaftlich aufsteigen. Das waren oft Politiker, Redakteure, das hohe Management oder andere theorielastige Berufe, die es eben auch braucht. Nun sehen wir ein neues Muster: eine extreme Welle von Millionen qualifizierten Fachkräften, die um normale Stellen bangen.
Was damals ein Freiticket für ein besseres Leben war, ist heute ein "Nice-to-have". Darauf kann man nur noch mit Fassungslosigkeit oder absoluter Gleichgültigkeit reagieren. Man hat eben einfach mal die Spielregeln geändert und es niemandem gesagt. Wie sollte man ansonsten einer ganzen Generation einen plausiblen Rechtfertigungsgrund für diesen Schlamassel offenlegen?
Dieses Thema geht mir persönlich sehr nahe, weil ich in keinster Weise gutheißen kann, dass Menschen, die jahrelang in ihre Bildung und damit verbundenen Fähigkeiten investiert haben, abgestraft werden, statt Anerkennung zu bekommen. Nicht nur Handwerk ist Leistung, Leistung ist auch die Art, abstrakt zu denken oder komplexe Problemfelder in die Hand zu nehmen. Doch eine nüchterne Debatte darüber gibt es nicht mehr. Politik und Medien konzentrieren sich nur noch auf ihren Bedarf und Hetze. Das eigentliche Problem, wie man Handwerk und Theorie koppelt, Menschen in passende Berufe unterbringt und wie man Theoretikern von heute stabile Zukunftsaussichten mit konkreten Lösungsvorschlägen anbietet, erfährt null Klärung.
Ich habe bereits auf meiner englischen Seite einen Artikel dazu geschrieben, weil es einfach nur noch nervig ist. Menschen brauchen Perspektive und die sollte von oben kommen. Stattdessen sieht man tagtäglich, wie dieses heilsame Versprechen gebrochen wurde, Menschen am Boden zerstört sind und wir eine ganze Generation komplett links liegen lassen. Es ist ein echtes Armutszeugnis, wie ich immer gerne zu sagen pflege.
In diesem Beitrag geht es mir nicht nur um Meritokratie, sondern auch darum, was seit den Krisen der letzten Jahre aus den Menschen geworden ist. Wir sind in einer unpersönlichen, automatisierten Welt angekommen, in der niemand für etwas verantwortlich gemacht werden möchte und Zuständigkeiten und angesehene Titel zum Großteil ungleich und willkürlich verteilt werden. Und wer steht dazwischen? Eben die Wahlmänner und Wahlfrauen, die Lösungspakete anbieten in Form von Extra Dienstleistungen, oft auch Seminaren, Mitgliedschaften... und auch da wieder ein großes Thema aufmachen, Stichwort Betrug.
Zum Abschluss dieses Beitrags kann ich nur betonen, dass es wichtig ist, sich von niemandem etwas einreden zu lassen. Es gibt viele, die einfach damals mehr Glück hatten oder bessere Zeiten erwischt haben. Dass gerade viele von denen diesen Prozess auch noch fördern, ist ein grundsätzliches Versagen in puncto Menschlichkeit, die sie offensichtlich nie hatten. Wenn man im Moment kämpft, dann soll man sich über seinen Wert bewusst sein. Niemand hat das Recht, den Wert eines anderen abzusprechen. Unsere Würde ist das einzig Unantastbare, wie man so schön sagt. Und das ist für mich an dieser Stelle auch ein guter Schluss.
